Samstag, 5. September 2015

Wicca = Hexe

In Gesprächen mit an Wicca interessierten Menschen, insbesondere freifliegenden Hexen, ergibt sich immer wieder die Frage, was traditionelles Wicca denn nun von anderen Hexen unterscheidet.
Meist impliziert die Frage gleich eine gewisse Erwartungshaltung des Fragestellers; dass Wicca aufgrund seiner Exklusivität eine einheitliche, streng organisierte Religion sei, wo die Anhänger bestimmte Dinge zu glauben haben wenn sie nicht rausgeschmissen werden wollen. Nichts könnte entfernter von der Wahrheit sein.

In der initiatorischen Hexenkunst lernen wir anhand eines bewährten Systems wir selbst zu sein und unsere eigenen Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden. Denn Wicca ist ein Weg der gemeinsamen Erfahrung, nicht des einheitlichen Glaubens. Die Rituale, Übungen und anderen Bestandteile der Tradition ergeben einen Mysterienweg, den man durchleben muss um von ihm verwandelt zu werden. Kein Buch und keine Dissertation über Wicca kann diese Erfahrung ersetzen.

Nichtsdestotrotz handelt es sich nicht um einen in Stein gemeißelten Weg, denn Wicca ist eine organische Religion. Für jeden Schüler ist der Weg anders; diverse Talente, Schwerpunkte und Interessen kristallisieren sich auf dem Weg heraus. Jede Persönlichkeit hat andere Bedürfnisse und durchlebt eine individuelle Entwicklung in der Auseinandersetzung mit der Hexenkunst.

Etwas anderes was ich auf Fragen dieser Art oft erwidere ist: stellt euch bitte nicht vor, dass ihr bei uns etwas gänzlich Neues erfahrt. Wicca ist im Ansatz simpel und viele Kernelemente des Wicca sind über die letzten Jahrzehnte in die allgemeine Heidenszene und sogar die Popkultur übergeschwappt, so dass sich eine Menge von dem was wir machen heute in jedem Buch von Silver RavenWolf oder sogar TV-Serien wie Salem wieder findet.
Viele Heiden bedienen sich Praktiken oder Vorstellungen, die zutiefst Wicca sind - zum Teil ohne sich dessen bewusst zu sein, weil sie untrennbar mit dem modernen Heidentum verwoben sind: Gott und Göttin, der Jahreskreis mit den acht Festen, die Verteilung der Elemente, das Benutzen einer Athame und das Wirken in einem magischen Kreis gehören heute allesamt zur neuheidnischen Normalität.

Heißt das also, man muss sich gar nicht mehr initiieren lassen, weil eh alles bekannt ist? Nein, natürlich nicht. Denn wie gesagt, die Initiation und das Training sind ein Prozess des Lernens und der Transformation, die auf dem freifliegenden Weg so wahrscheinlich nicht zugänglich sind. Das habe ich selbst als jahrelang freifliegender Praktiker zumindest feststellen müssen, und ich war noch nie jemand, der sich vor tief gehender, auch schmerzvoller spiritueller Entwicklung und Arbeit mit dem eigenen Schatten scheut.

Auch das Wissen über Wicca und seine Rituale und Themen ist nicht dasselbe wie die Erfahrung. Die Anhäufung von Buchwissen kann niemals einen Prozess ersetzen, der so konzipiert ist, dass er, wenn er korrekt angewandt wird, Weisheit und Entwicklung im Schüler hervorruft.

Nichts desto trotz finde ich, dass es an der Natur der Sache vorbei geht, initiatorisches Wicca und freies Hexentum komplett zu trennen. Beide Seiten denken oft, dass die andere etwas völlig anderes praktiziert. Das ist meiner Erfahrung nach einfach nicht der Fall. Sicher gibt es Unterschiede, aber die relativieren sich schnell durch die Tatsache, dass ohnehin jede Gruppe und jede individuelle Hexe etwas anders arbeitet. Was glaubt ihr wie deutlich ein gänzlich außen Stehender diese Unterschiede wahrnimmt? So gut wie gar nicht. Und das sollte uns etwas sagen.

Zum Teil gebe ich der inflationären Verwendung des Begriffs Wicca die Schuld daran, suggeriert er doch, dass es sich bei dem Wicca um eine mehr oder minder einheitliche Tradition wie dem Katholizismus oder dem Buddhismus handelt. Aber der Begriff wurde nicht immer so verwendet. *

Für Gardner waren die Wica (damals noch mit einem c) einfach Hexen und Hexen waren Wica. Alle Hexen, nicht nur die seiner eigenen Gruppe. Noch Jahrzehnte nach ihm war stets von Hexenkunst, der Kunst oder der Alten Religion der Rede. Es gab keinen Grund zu differenzieren, da es eine freie Hexenszene im heutigen Sinne ohnehin nicht gab. Erst in den 80ern wurde Wicca als Bezeichnung für die gesamte Tradition bzw. das magisch-philosophische System gebräuchlicher, und damit eine Unterscheidung von initiatorisch arbeitenden Hexen und ihren formloseren Ablegern geschaffen, die bis heute anhält. Aber ist diese Unterscheidung wirklich so gravierend?

Ich persönlich unterscheide nicht zwischen Hexe und Wicca und sehe den initiatorischen Weg als eine Möglichkeit, den Weg der Hexenkunst zu erlernen. Als ich zu meiner Tradition stieß war ich anfangs oft verwundert, dass dort mehr von den Wicca gesprochen wurde und weniger von dem Wicca. Aber gleichzeitig mochte ich diese Verwendung sofort viel lieber, denn sie betont einen kleinen, aber feinen Unterschied in der Art und Weise, wie man die Kunst sieht. Die Wicca - das sind die Hexen, die Praktizierenden selbst und damit liegt der Fokus stärker auf dem einzelnen Praktiker und dem was er tut als auf der Vorstellung von einer einheitlichen Religion. Ich finde diese Sichtweise sehr viel offener und passender für eine sich organisch entwickelnde Tradition.

Ich wünsche mir oft, dass diese Sichtweise nicht so in Vergessenheit geraten wäre. Vielen Wicca würde es gut tun, die Grenze zwischen freifliegend und traditionell (einer Tradition die wohlgemerkt erst ein paar Jahrzehnte alt ist und heute von manchen als feststehender gesehen wird als von ihrem Begründer) als durchlässiger wahrzunehmen. Vielleicht würde es sie sogar aus ihrer stickigen, hermetisch abgeriegelten Gedankenwelt herausholen.

Und die nicht Initiierten hätten vielleicht weniger Berührungsängste mit den initiatorischen Traditionen und würden diese weniger missverstehen.

Wie ich einer Person neulich schrieb: Du weißt wahrscheinlich schon viel mehr über Wicca als du denkst. Einfach deshalb, weil Wicca keine Raketenwissenschaft ist sondern mit dem Leben zu tun hat. Die Mysterien von Wicca sind die Mysterien des Lebens; von Werden und Vergehen, Wachsen, Gedeihen, Tod, Liebe und dem Zauber, der der Welt innewohnt. Um an diesen Mysterien teilzuhaben muss man nicht initiiert sein.

* Tatsächlich ist der Begriff Wicca uralt. Aber das ist ein anderes Thema.